Die meisten von uns wissen, dass die Schule und die Uni nicht das wahre Leben sind. Sie sind gewissermaßen nur das Vorbereitungsstadium dafür, damit man für die harte Arbeitswelt da draußen gewappnet ist. Zu gerne wird uns immer wieder von allen möglichen Seiten weisgemacht, dass nur diejenigen mit den besten Abschlusspapieren und den besten Noten etwas Vernünftiges danach werden. Ob daran nicht vielleicht etwas stinkt?

Ich will nicht sagen, dass man nicht zur Uni gehen sollte, um etwas Sinnvolles zu lernen oder zu tun. Genauso verneine ich es grundsätzlich nicht, in und in einem Unternehmen tätig zu sein. Jedes Studium hat seine Schwierigkeiten und Tücken, jede/r Student/in kennt das Gefühl, an irgendeinem Punkt auch mal alles hinzuschmeißen zu wollen. Klar ist aber, dass in unserem Bildungssystem mancherlei Dinge für mein Verständnis grundsätzlich fragwürdig sind, oder anders ausgedrückt, dringenden Überholbedarf haben. Eines habe ich mich während meiner Studienzeit oft gefragt: woher kommen die so große Unsicherheiten und Versagensängste in unserer Generation?
Einen solchen Kommentar wie diesen verfassend muss einem klar sein, dass man die Welt so beschreibt wie man sie selbst sieht, niemals wie sie ist. Ich persönlich habe gerade vor kurzem meine drei verpflichtenden Jahre, um mich selbst Bachelor of Arts nennen zu können, mit einiger Mühe hinter mich gebracht. Ich habe es immer eine Art negative Motivation genannt, denn ich wollte einfach nur fertig werden.

Vorgestanzte Schablonen und Einzelkämpfertum

Europäische Ethnologie und Psychologie. Keine Frage, ich habe nicht unbedingt das studiert, was mir wirklich am Herzen lag. Ich hätte das Ganze jederzeit auch bleiben lassen können, und niemand wäre mir deshalb böse gewesen. Druck von meinen Eltern gab es nicht, etwaige Studiengebühren bzw. staatliche Zuwendungen zum Abarbeiten gibt es in Deutschland glücklicherweise nur im sehr geringen Maße. Und ich will auch erwähnen, dass es durchaus lichte Momente in meinem Studium gab, in welchen ich wahrhaft am Studieninhalt interessiert war. Aber genau jene Momente, die mit Gold kaum aufzuwiegen sind, waren rar gesät.

 

Die Welt ist niemals so wie sie ist, sie ist wie man sie selbst sieht.

 

P1100773Überwogen hat vielmehr der Zustand des in vorgegebenen Bahnen Denken- und Handeln Müssens, der Frustrationen des ewigen Auswendiglernens von irgendwelchen Inhalten, die hinterher niemand mehr wissen wollte. Fragen in den Klausuren kannten oftmals nur eine vorgegebene richtige Antwort und nicht zuletzt des aus meiner Sicht manchmal zufälligen Notenverteilens seitens der Dozierenden hat mir meine Stimmung doch zeitweilig gründlich vermiest. All diese Dinge werden mir sehr viel nachhaltiger in Erinnerung bleiben. Je weiter ich im Studium vorangeschritten war, desto mehr hatte ich den Sinn des Ganzen in Frage gestellt.

Warum war paradoxerweise der Vorlesungsabschnitt über ‘Motivation’ in meinem Psychologiestudium das langweiligste, was ich je in meiner schulischen Laufbahn vorgesetzt bekommen hatte? Wieso fühlte ich mich bei meinem Referat über das sogenannte Flow-Erleben (also wenn die Dinge quasi wie allein von der Hand gehen und alles zur rechten Zeit am rechten Ort ist) so überhaupt nicht im Flow?

Warum war das Thema ‘Motivation’ das langweiligste, was ich je vorgesetzt bekam?

Studieren, so wie ich es alle Semester wieder erlebt hatte, ließ mir vor allem einen Gedanken immer mehr aufkommen: den der Einzelkämpferkultur. Es ging nur um meine Noten, um meine gelungene Hausarbeit und um meinen Abschluss. Es konnte mir egal sein, wie andere Leute, die neben, vor und hinter mir saßen, letztlich abschnitten. Ich war am Ende meines Studiums mehr oder weniger erfolgreich fertig und war im Prinzip niemals auf die Hilfe von anderen angewiesen. Wenn man sich mal kurz vergegenwärtigt, dass die Menschheit schon immer deswegen überlebt sich weiterentwickelt hat, weil wir zusammen die Dinge bewältigt haben, in Kooperation gelebt haben, finde ich das recht alarmierend.

Im bleichen Angesicht meiner Professoren:
Was ist Lernen und Wissen?

Ich schaue in vergangene Einträge in meinem Tagebuch und stoße dabei auf einen Ort, der symbolisch für die Abneigung meines Studiums stand: die Universitätsbibliothek, unter allen Studierenden auch bekannt als UB. Ja richtig, wir Menschen sind durch Lesen und Schreiben, durch die Archivierung und Weitergabe von systematischem Wissen dahin gekommen, wo wir heute sind. Oft aber habe ich mich gefragt, was WISSEN überhaupt bedeutet, was LERNEN eigentlich meint?
IMG_4023Drei Jahre Uni haben mir dahingehend folgendes Bild aufgezeigt: Wissen, eben im universitären Sinne, meint letztlich, dass man einigermaßen sinngemäß, besser aber noch auswendig, irgendwelche Lerninhalte wiederzugeben vermag. Eben diejenigen, die man für die nächste Klausur benötigt. Lernen war dahingehend der Prozess des sich Hinsetzen Müssens und sich irgendwelche Listen, Fakten oder sonstige Inhalte so lange sich selbst vorzubrabbeln, bis man wirklich an nichts anderes mehr denken konnte. So wussten beispielsweise alle meine Kommiliton/innen am Ende des Seminares „Mittelmeerkulturen“ alle möglichen wissenschaftlich untersuchten Aspekte dieses genannten Kulturraumes und nicht wenige meinten anschließend, über diese Gegend genau Bescheid zu wissen. WUSSTEN sie es wirklich? Bullshit sage ich!

 

Lernen tut man meiner Ansicht nach vor allem durch selbstgemachte Erfahrungen, welche dann in lebendiges, lebensechtes Wissen übergehen. Was passiert, wenn man sich ein Leben lang in der staubigen Bibliothek unseres Institutes vergräbt, konnte ich einigen meiner zuweilen merkwürdig anmutenden Professoren ansehen. Ohne respektlos zu sein, sie WISSEN eine Menge, aber dieses Wissen erschien mir doch nicht immer realitätsnah, nicht lebendig. Und damit ist es für mich stark hinterfragungswürdig, besonders in dem Bereich der Psychologie, wo es um den Menschen selbst geht.

 

Wirkliches Lernen hinterlässt lebendiges, lebensechtes Wissen.

Wenn 100% nicht genug sind.
Warum wir uns selbst im Weg stehen

Ein weiteres Phänomen war mir während meines Studiums immer wieder aufgefallen: Der Anspruch, den eine nicht unbeachtliche Zahl meiner Mitstudierenden häufig an sich selbst hatten. Alles musste stets perfekt sein, vielfach war die Note 1,0 das Einzige, was überhaupt zählte. In manch individuellem Fall mag das wohl funktionieren, dass es aber in der Masse nicht gelingen kann, dürfte wohl niemanden überraschen. Und das hat es in der Realität auch oft nicht.
Trotzdem bekam ich immer wieder den Eindruck: Wenn man sich nicht wirklich 100% sicher war, dass man seine Sache perfekt schaffen würde, dann sollte man es besser bleiben lassen. Ein Versprecher während des Referates oder eben doch nur eine 1,3 in der Klausur waren da schon nicht mehr akzeptabel. Wieso glaubten sie den Zahlen auf dem Papier so viel mehr als an ihre eigenen Fähigkeiten, die sie und wir alle ohne Zweifel innehaben? Woher nur kommt diese starke Verunsicherung bei uns jungen Menschen, nicht einen mustergültigen Lebenslauf vorweisen zu können?

Denn ich denke, dass wir vielmals das Potenzial haben, unseren Lebensinhalt mit sinnvolleren und progressiveren Dingen zu gestalten, als uns einem Bildungssystem unterordnen zu müssen, welches uns letztlich in Zahlen und Kategorien einteilt. Wir alle haben Talente und Fähigkeiten, die oftmals nur darauf warten, in einer exothermen Reaktion freigesetzt zu werden.

Wieso glaubten sie den Zahlen auf dem Papier so viel mehr als an ihre eigenen Fähigkeiten?

Bist du also eine 2,0? Keine Angst, welche Note am Ende vielleicht dein Abschluss ziert. Viel wichtiger ist das was du wirklich möchtest und was in dir steckt. Nicht jeder ist dafür geschaffen, sich irgendwelchen vorgegebenen Systemen anzupassen und ausgetrampelte Pfade entlangzugehen. Ich bin überzeugt davon dass wenn man das findet, was einem wirklich liegt, dann kommen viele Dinge einem auch viel leichter zugefallen. Und es ist mir ein Anliegen, die Menschen zu motivieren, den Mut dazu aufzubringen, ihren eigenen Weg zu gehen. Denn dadurch entstehen meistens interessantere Lebensgeschichten als irgendeine Note auf einem Stück Papier. Im richtigen Leben findet das wahre Lernen statt, welches letztlich wirklich zählt.