Ich bin mir nicht sicher, ob ein solches Schreiben, wenn es mir damals in die Finger gekommen wäre, bei mir persönlich etwas verändert hätte. Ob ich etwas getan hätte, mich selbst besser hätte reflektieren können und meine Stimme erhoben hätte. Aus dem Schatten meiner plumpen Selbst herausgetreten wäre.

Steve war niemals ein wirklich enger Freund von mir. Es war die Zeit, in welcher es an die Grenzen gehen sollte. Aufgrund anderer Freunde hatte ich schon ein bisschen Erfahrung mit den in unserer Kultur und Zeit landesüblichen Drogen. Ich war zugegebenermaßen nie der Verfechter von alledem. Aber wer ist das schon? Selten kommt man von ganz alleine auf die Idee, sich heimlich Alkohol im minderen Alter zu organisieren, wenn man dahingehend nicht irgendein Vorbild hat oder hatte.

Der typische Freitagnachmittag Anruf verlief damals in etwa nach folgendem Schema:

IM000513Yo mann, was geht?
Yo, kein Plan
Lass mal nachher treffen und abhängen
Ja was machen wir heute Abend so?
Saufen auf jeden Fall
Yo cool, wo denn?
Yo weiß ich auch noch nicht

 

Es gab unter uns übrigens auch den Spruch, der meiner Meinung nach sehr tief blicken ließ:
Wir können auch ohne Spaß Alkohol haben

Jung und ahnungslos – was auch sonst

Steve war ziemlich gut in der Schule, hatte bis dato ziemlich vorzeigbare Noten und kam sogar jeden Morgen aus seinem Dorf mit dem Fahrrad zur Schule – 25km pro Strecke. Niemand hätte zu dem Zeitpunkt voraussagen können, dass er die nächste Klasse auch beim dritten Versuch nicht schaffen würde und die Schule gezwungenermaßen komplett verlassen musste.

Es ging relativ schnell, dass das grüne Zeug Eingang in unseren Alltag fand. Manchmal gingen wir in der kurzen 5 Minutenpause raus, den Spliff hatte Steve bereits zuvor in der Physikstunde unter’m Tisch gerollt und wartete nun darauf, für die kommende Doppelstunde Deutsch unter uns aufgeteilt zu werden. Herr Thober hatte sowieso die Lizenz, die komplette Unterrichtseinheit mit seinen Monologen zu füllen, es machte zumindest für ihn keinen Unterschied, ob man jetzt gelangweilt oder bekifft aus dem Fenster schauen würde.

 

Der Aufstieg in die obere Gangsterliga

P1010283Nur wenig später hatten wir uns dann ne Bong geholt. Aus Plastik, mindestens einen halben Meter hoch, man konnte sogar einen zweiten Kopf ranschrauben, und die kaminrote Farbe verwandelte den weiß-gelben Rauch in einen mystischen Nebel. Wir lagerten sie bei Johann ein, seine alleinerziehende Mutter war sowieso selten da und er wohnte gut zentral. Wenn ich an seiner Haustür läutete, dann kam irgendein Kollega, nicht selten mit rot verquollenen kleinen Augen entgegen, gab mir kurz den Gangsterkiffer-Handshake, und dann schnell wieder zurück in die Räuberhöhle. Dort saßen dann irgendwelche Gestalten im Dunkeln, die alle wohl schon seit Stunden auf das gleiche eine Loch der Gardine starrten, durch welches hindurch das einzige Licht des Raumes fiel.

Für Steve war das alles der Anfang vom Ende. Keiner von uns hätte das ahnen können. Das kann man in dem Alter auch gar nicht. Wir waren keineswegs ungebildet und waren uns bewusst, dass das alles schädlich und gefährlich für die Gesundheit ist. Allein, wir scherten uns nicht darum. Und es wäre nicht nur reichlich uncool, sondern obendrein noch absolut unglaubwürdig gewesen, wenn man seinem Kollega nahegelegt hätte, vielleicht etwas weniger oder sogar, hüstel, mal ganz aufzuhören. Also jedenfalls mal für eine Weile. Da zog man doch erstmal wieder lieber selber am Joint, der gerade die Runde machte und war im Gedankenmaschinengewehr, welches bei mir durch den Konsum regelmäßig ausgelöst wurde, schon wieder drei Akte weiter.

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Auch beim Saufen war Steve oftmals an der Speerspitze der Promillejäger. Kaum eine „Session“ am Wochenende verging, in welcher Steve nicht irgendwann völligstens sturztrunken mitsamt des Sessels umgekippt und am Boden eingeschlafen war. Wenn er Glück hatte waren wir gnädig genug, ihn wieder aufzurichten und ihn anschließend nicht mit einem spontan neuentworfenen Dekorationsgemisch aus Kissen, leeren Flaschen und anderem Müll zu überhäufen.

 

Man kann auch ohne Spaß Alkohol haben

 

Das platte Land – the place to be

Ich wechselte im darauffolgenden Jahr an eine andere Schule für die letzten Schuljahre. Aus irgendeinem Grund war ich zum Arbeitsamt gegangen, hatte einen Berufswahltest gemacht und aus irgendeinem Grund sollte ich für’s Büro prädestiniert sein. Aus heutiger Sicht kommt mir das alles jedenfalls irgendwie und rein zufällig alles vor.

Mit meinen neuen alten Freunden war ich trotzdem weiterhin am Start. Die ersten von uns hatten bald den Führerschein in der Hand, und dementsprechend dann auch manchmal das Lenkrad von Mutterns oder Vaterns Wagen. Es war dann auch die Zeit, in der sich die Unfälle in meinem Jahrgang häuften. Und einige von denen auch tödlich. In unserer ländlichen und absolut platten Gegend, in welche mich der Kosmos reingesetzt hatte, gibt es langgezogenen Landstraßen, welche links und rechts mit alten Bäumen gesäumt sind, dahinter erheben sich wahlweise Mais-, Raps- oder Kornfelder, dazwischen ein paar landestypsiche Fachwerkhäuser.

Und manch jener Bäume trug einige hässliche Blessuren, weil sich beispielsweise ein guter Freund unserer “Crew” umgebracht hatte, oder weil einer aus meiner Fussballmannschaft nach einem wöchentlichen Exzess zu geizig für ein Taxi war oder weil ein Bekannter von mir mit seiner frischgebackenen Fahrerlaubnis zusammen mit seinen Kumpels über die eine bestimmte Stelle heizen wollte, bei welcher man bei guter Geschwindigkeit mit dem Wagen vermeintlich etwas in die Luft abheben konnte, oder oder oder……

 

Von wegen und Abwegen

P1000294Steve hatte sich inzwischen selbst den, zugegeben nicht besonders kreativen, Spitznamen „Steve the shit“ zugelegt. Die Äußerungen, die er von sich gab, wurden immer bizarrer wir mussten anfangen, Witze über ihn zu machen, um nicht augenblicklich über den Ernst der Situation zu stolpern.

Im Prinzip war Steve der geborene Entrepreneur und bloß noch total unter dem Radar. Doch seine Zeit würde noch kommen, dessen war er sich ganz sicher. Er schaute mir fest in die Augen und versprach mir hoch und heilig, dass er im nächsten Jahr so viel Geld machen würde, dass er mich ohne mit der Wimper zu zucken in den Wachtelhof zu einem Vier-Gänge-Menü einladen könnte. Der Wachtelhof kann sich im Übrigen damit küren, dass die deutsche Fussballnationalmannschaft schon einmal für einige Tage dort residierte. Und an Ideen mangelte es ihm aufgrund inzwischen verschiedener Drogenausrichtung nicht. So hatte er beispielsweise mit seinen Kollegas, die inzwischen ganz andere Kreise als unserer kleine Crew umfassten, mit einigen Kreditkarten jede Menge teuren Krams im Internet bestellt und anschließend versucht, den Plunder über Ebay wieder zu verticken (wie man ja so schön in den Kreisen es nannte).

Blöd nur: erstens ließen sich die Sachen nicht so einfach wieder verkaufen wie sich die Jungs das gedacht hatten, zweitens hatte sich Steve dazu überreden lassen, das Ganze auf seinen Namen laufen zu lassen, was nun böse auf ihn zurückfiel, was ihn drittens dazu veranlasste, die angehäuften Schulden durch Dealen (also Drogenverkauf) wieder reinzuholen, weil er sich viertens das Geld, welches dann doch reingekommen war sich gleich wieder von seinen Kollegas für etwaige, nennen wir es mal Reinvestitionen, hatte abknüpfen lassen. Von der gleichen Kreditkarte, meine trüben Erinnerungen mögen mir hier gerade einen Streich spielen, hatte Steve übrigens auch seiner neuen Freundin aus Rumänien, die er vor gut einer Woche im Internet kennengelernt hatte, eine nette Summe zukommen lassen, von der sie ihm versprochen hatte, diese alsbald wieder zurückzubezahlen. Nun, ich muss vielleicht mein Statement des pfiffigen Entrepreneurs bzgl. Steve an dieser Stelle doch nochmal überdenken.

 

Steve’s Tod

IMG_0012Einige Jahre später, ich war inzwischen schon fertig mit der Schule und seit einiger Zeit in der Weltgeschichte unterwegs und lernte gerade meine dritte Fremdsprache, da kam der Tag, an welchem Steve starb. Er kam wieder zu Bewusstsein, erlernte auch wieder das Sprechen und die meisten anderen Fähigkeiten. Doch innerlich war er nun da angelangt, wohin er schon seit geraumer Zeit draufzusteuerte. Er hatte irgendwelchen Dealern angeblich noch eine Waage geschuldet, was das Fass wohl zum Überlaufen gebracht hatte. Zu viert hatte sie ihn so sehr zusammengeschlagen, dass er eine Weile lang auf der Intensivstation zu Gast war.

Wenn ich heute mit Max über Steve spreche, so meint er, dass wir das alles hätten verhindern können, wir hätten als Freunde besser aufpassen müssen. Vielleicht hat er recht. Und doch glaube ich, dass Steve das perfekte Beispiel dafür ist, an welchen Stellen unsere Gesellschaft bitterlich versagt und keine Antworten auf Probleme hat, die mehr denn je nach einer Antwort suchen.

Und wie mit Steve erging es wie schon so Tausenden vor ihm wird es auch nach ihm ergehen. Die junge Generation, voller Hoffnungen und Pläne für die Zukunft, gemessen am Rest der Welt ideale Voraussetzungen seine Träume zu verwirklichen. Doch das eigene Umfeld, das Bildungssystem, die Medien sowie unsere Gesellschaft tun ihr übriges und lässt Menschen wie Steve so werden, wie er geworden ist. Vor allem: wären die Würfel etwas anders gefallen, dann hätte es auch ich sein können.

 

Die Abrechnung

Steve starb für etwas, dass er gesucht und nie gefunden hatte und sich die Chance darauf vielleicht auch für immer verspielt hatte. Einer von uns zu sein. Ein cooler Typ ohne sich groß verstellen zu müssen. Ein glückliches und zufriedenes Leben. Doch in einer Welt, in welcher Coolness alles war, hatte er nichts.

Und es war noch ein paar Jahre später, als ich in meinem Wunschfach Psychologie mit der Frage an meinem Professor herantrat, ob es eigentlich die Drogen sind, die eine Psychose überhaupt erst auslösen oder ob bestimmte Menschen sowieso eine Prädisposition haben und die Drogen den Vorgang nur stark verkürzt (sprich wie wenn man ein Zuckerstück im Glas verrührt, was den Diffusionsprozess stark beschleunigt).
Er musste gestehen, dass es bis heute in der Psychologie keine klare Antwort dafür gibt.

 

In einer Welt, in welcher Coolness alles war, hatte er nichts

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Ich kannte Steve’s Hintergründe und seine Familie nie so genau, wir waren nur einige Male zum Kiffen bei ihm auf dem Dorf und hätten bei einer Session beinahe sein Zimmer in Brand gesetzt, weil wir alle weggenickt waren und daher niemand mehr den lichterlohen Kerzenberg im Blick hatte, der sich langsam zum Holztisch vorgearbeitet hatte.

Für mich persönlich ist Steve’s Tod die lange und mitunter etwas unglückliche Verkettung aus fehlendem familiären Rückhalt, vielleicht auch die Tatsache dass er sein Vater nur selten sah, einem daraus folgenden schwach ausgeprägten Selbstbewusstsein, kombiniert mit den Ambitionen, die die meisten Jugendlichen in sich tragen: cool sein wollen und dafür anerkannt zu werden.

Und warum wir uns als einzelne Person heutzutage so bedeutungslos fühlen, das wird in einem anderen Artikel abgehandelt.