In irgendeiner Nachricht an einen meiner wenigen übrig gebliebenen Freunden von mir schrieb ich relativ zu Anfang als ich hier ankam: „Ich glaube nach Afrika werde ich nicht mehr ganz derselbe sein“. Gerade am Anfang eines neuen Abschnitts, einer neuen Erfahrung, vor allem aber gerade in dem Moment, in welchem man ein so ganz anderes Lebensgefühl durchlebt, glaubt man, dass es einen nachhaltig beeinflussen wird. In manchen Fällen sollten wir uns nicht zu viel darauf einbilden. Aber vielleicht verändert so ein Tag wie dieser hier in Afrika ja doch so manches…

Ganz langsam wache ich auf, brauche einige Minuten um in einen halbwegs bewussten Zustand zu kommen. Mein Fuss hatte sich über Nacht im Moskitonetz etwas verfangen, welches aus gutem Grund über jedem Bett hängt. Beim Befreiungsversuch bringe ich die ganze Konstruktion, die provisorisch an der Decke angebracht ist, gefährlich ins Schwanken. Gleichzeitig scheuche ich damit die Bande an Mücken auf, die sich über Nacht mal wieder innerhalb des Netzes statt, so wie es vorgesehen ist, sich ausserhalb dessen aufgehalten hat. Ich kann ziemlich sicher davon ausgehen, dass sie allesamt heute Nacht in aller Ruhe ihren Blutdurst an mir ausleben konnten und nun vor Adipositas kaum noch ihrem natürlich Fluginstinkt nachkommen können. Ich habe es aufgegeben, sie wie Ihre Vorfahren, den das gleiche Schicksal ereilte, im Mückennetz zu zerschlagen und hinterher blutverschmierte Hände zu haben, als hätte gerade ein Kalb geschlachtet.

Ich muss los, heute ist in der Tat ein etwas besonderer Tag, ich werde gleich noch darauf zu sprechen kommen. Schnell packe ich die nötigsten Dinge ein wenn ich mal wieder on the road gehe. Meine Dusche besteht aus einem großen und einem kleinen Eimer. Der große ist mit Wasser gefüllt, mit dem kleinen schöpfe ich das Wasser aus dem großen und gieße es über mich, ein Gemisch aus Seife, Staub und Wasser fließt ins Plumsklo, das neben der Dusche im Boden eingebaut und genau dafür vorgesehen ist.

 

Draußen kann ich nie so sein wie ich bin

Ich verlasse das Gelände auf welchem ich wohne durch das meist doppelt verschlossene Gartentor. Meine Nachbarjungs, die Kaka’s aus meiner Hood, hängen bereits draußen ab. Mit einem Gangstergruß in Form eines Faustschlags und einem breitgrinsenden „Mambo fresh“ ist das Respektbarometer erstmal wieder für den Tag aufgefüllt. Bei der Mama meines Vertrauens gibt es einen Ingwer-Schwarztee mit Milch sowie einen knackigen Bohnen-Chapati-Teller zum Frühstück, um meinen Biorhythmus in Gang zu bringen. Ja, wer hätte gedacht dass ich in meinem Leben Milch im Tee tatsächlich nochmal sexy finden werde. Erst etwas später ist mir dann klargeworden, dass das Geheimnis der Formel in der sündhaft hohen Menge von Zucker liegt, ausserdem ist die Milch nur als Milchpulver mir untergejubelt worden. Also nochmal Zucker. Die Kräutermischung, die man besonders im Bodensatz am Ende des Getränks nochmal in den Bronchen zu spüren bekommt, ist dennoch ein Geheimnis für sich. Gut, dass es hier keine Hexenverfolgung gibt, die Mischung könnte glatt darunterfallen. Ganze 62,74 €-Cent lasse ich für mein Frühstück verbuchen.

 

Das Geheimnis des leckeren Tees liegt in der sündhaft hohen Menge von Zucker.

 

Ich gehe durch die verstaubten Straßen und nähere mich dem Memorial-Markt. Heute sind wieder unzählige Altkleiderlieferungen aus Europa eingetroffen, dann schwirren hier immer besonders viele Leute mit großen Säcken, Eisenkarren und sonstigen Behältern herum. Hier kaufen alle möglichen Leute das Zeugs ein und später in der Innenstadt laufen dann junge Frauen mit Schuhen auf dem Kopf oder ersatzweise ihre männlichen Kollegen, überhangen mit allerlei Kleidern am ganzen Körper herum sodass sie aussehen wie ein mobiler Kleiderschrank und versuchen die Ware mit einer bescheidenen Gewinnspanne unters Volk zu bringen. Ich gewiefter Fuchs gehe natürlich direkt auf den Markt quasi hier vor meiner Haustür und schlage meine Schnäppchen hier und reimportiere somit ein paar Artikel zurück in meinen Kontinent. Ich hänge immer noch ein wenig der Überzeugung nach dass wenn ich genau drauf achte während ich hier durch das wilde Treiben zwischen all den heruntergekommenen Holzständen mich bewege ich meine ultracoole Jacke, die ich zu meinem Leidwesen vor vielen Jahren auf einer Bahnfahrt zwischen Marseille und Lyon liegengelassen hatte, hier wiederfinden werde.

Zwischen Essengerüchen, Staub, Hitze, Fliegen, kreischend umherlaufende Kinder, Unmengen an gebrauchten Schuhen, Babysocken und dazwischen auch mal neuen Jeans muss ich mich behaupten. Ich setze den absolut indifferentesten Blick auf, den ich mir antrainieren konnte um möglichst viele Verkäufer von vornerein von mir fernzuhalten. Nein, wir sind hier nicht in Thailand oder schlimmer noch Indien, wo sie einen nicht gehen lassen bevor man nicht irgendein Schrott gekauft hat. Als Gelddruckmaschine werde ich hier trotzdem gesehen, auch wenn ich mit meinem aktuellen Kontostand vermutlich sogar weniger vorzuweisen habe als die Leute, die bei meinem Anblick urplötzlich ihre Lethargie abschütteln und mir sogar Damenkleider in Übergröße anbieten. Und im Prinzip hätten sie auch nicht völlig Unrecht, denn überall auf dem Markt und besonders drum herum sitzen eifrige Schneider und Schneiderinnen, die ihr Handwerk ziemlich gut verstehen. Macht Sinn, denn natürlich kommen die meisten Sachen, großherzig von der westlichen Welt gespendet, nicht in der entsprechenden Größe, die einem selbst entspräche. Das lässt sich völlig unbürokratisch direkt vor Ort regeln, zum sehr ähnlichen Preis wie meine oben erwähnte Frühstückseinheit.

 

Ich setze den absolut indifferentesten Blick auf, den ich mir antrainieren konnte. Trotzdem werde ich als Gelddruckmaschine angesehen.

 

Ein Auge auf’s Geld, das andere auf’s Wechselgeld

Meine Odyssee geht weiter zur Bushaltestelle. Sobald ich um die Ecke schreite und mich in der Einflugschneise der Busse befinde erblicken mich die Busjungs, und die sind mit allen Wassern gewaschen (ausser vielleicht mit echtem wie sich manchmal am Geruch vermuten lässt). Sofort stürzen sie sich auf mich, wollen mir meine Tasche aus der Hand nehmen bevor ich überhaupt sagen kann, wo es mich eventuell hinführen könnte. Zwei der Schaffner fangen an sich um mich zu schlagen obwohl sie eigentlich noch immer nicht wissen, wo es eigentlich hingehen soll. Sie verlieren beide und ich schnappe mir den Expressbus, den ich nämlich tatsächlich auch im Visier hatte und lass die beiden Streithähne, die aus unerklärlichen Gründen nur einen der langsamen Milchkannenbusse im Leben zugeteilt bekamen, die über irgendwelche Dörfer fahren von denen ich nicht weiß, ob ich da überhaupt je hinmöchte, ihren Streit unter sich austragen.

Besonders in diesen Gefilden, aber auch sonst überall muss man ziemlich gut auf sein Geld aufpassen. Nein, ich meine keine trickreichen Taschendiebe oder gar bewaffnete Gangs. Die kann es im Einzelfall sicherlich auch mal geben, vielmehr meine ich aber, dass die Leute mir völlig ohne Scham direkt ins Gesicht lügen würden. Der Fahrpreis hängt von meinem Durchsetzungsvermögen und meiner Cleverness des richtigen Wechselgeldes ab, welches ich in die Hand gedrückt bekomme. Das ist überall so, in Restaurants erscheinen mal schnell ein Getränk mehr oder einfach ein höherer Preis auf der Rechnung. Diese buchhalterische Ungenauigkeit muss ich dann mit der gleichen Bestimmtheit ins rechte Licht rücken.

Damit will ich nicht verleugnen, dass es auch viele ehrliche Tansanier gibt. Jener Mann, der mich darauf aufmerksam machte, dass mir gerade unbemerkt ein Schein runtergefallen war und absolut nichts dafür erwartete. Die Köchin, die mir noch Wechselgeld in die Hand drückte, welches ich schon wieder vergessen hatte. Und viele weitere kleine Situationen, die man mit entsprechendem selektiven Wahrnehmungsfilter gerne mal schnell vergisst.

 

Man muss gut aufpassen, wie viel man für was ausgibt und Preise hängen vom eigenen Durchsetzungsvermögen ab.

 

Ich steige über einige Eimer im Gang und nehme Platz in einer der Reihen, wo nach menschlichem Wohlbefinden längst kein Platz mehr wäre. Zwischen der Mama mit ihrem wuchtigen Matako, den sie gerade nochmal ein Stück beiseiteschiebt und Jungspund mit dem Chelsea Fussballtrikot quetsche ich mich rein. Durch die offenen Fenster schieben sich gegrillte Maiskolben auf Spießen, Kartons mit Getränken und furchtbar schmeckende Süßigkeiten rein, man muss nur zugreifen und schnell zahlen und bevor der Busfahrer auf’s Gaspedal stampft den Bezahlungsvorgang jäh unterbrechen würde. Für solche Gelegenheiten und überhaupt für den Fahrpreis, den man noch zu entrichten hat, sollte man die entsprechenden Groschen gut griffbereit haben. Sitzt man dann einmal zwischen der Mama und dem Vertreter der jungen Generation kann das mit dem Rucksack auf den Knien ein ziemlich schwieriger Akt werden, gerade wenn dann noch der Junge neben mir mein Lieblingsfussballverein wissen möchte und die Mama zu meiner anderen Seite mir lautstark an ihrem Handy zugange ist und ich die Fahrpreisauskunft nicht ganz korrekt verstanden habe. Das ganze kann noch durch die ruckeligen Straßengegebenheiten erschwert werden, die den Lärmpegel deutlich in die Höhe schrauben und wenn dann auch noch, das ist dann quasi der Jackpot, ich Teil des unfreiwilligen Popcornregens werde, dessen Ware mein Vorsitznachbar durch die eben genannte Weise erworben hatte und nun schon wieder zur Hälfte abschreiben muss, weil der Busfahrer einen der Speed Bums auf der Straße etwas zu zügig passiert hat, dann braucht das schon mal ganz gute Nerven und mitunter auch eine gute Portion Humor.

 

Karibu sana – herzlichst Willkommen

Ich treffe eine Freundin von mir aus Japan, die es hier auf seltsamste Weise nach Tansania verschlagen hatte. Sie wollte eigentlich mal Schwedisch in Stockholm studieren, hat aber in dem Moment des Ankreuzens ihrer Studienfachwahl nicht so genau hingeschaut und stattdessen das darüber liegende Fach gewählt: Swahili statt Swedish. Was man eben als Japanerin so studiert. Inzwischen wohnt sie seit über zwei Jahren hier, muss sich aber über ihre Herkunftsregion in Japan bis heute in Schweigen hüllen. Kumamoto, eigentlich eine herrliche Region des Landes, die Städte wie Tokyo oder Nagasaki schnell vergessen lässt, heißt auf Suaheli übersetzt „Heiße Fotze“. In etwas umschriebenerer Weise findet man diesen Hinweis auch in japanischen Reiseführern, um nicht schon gleich bei der Immigrationsbehörde am Flughafen Unmut zu stiften.

Es gibt viele Ausländer hier, die aus den seltsamsten Gründen hier nach Tansania gekommen und seither nicht wieder gegangen sind. Weiße Frauen aus Europa oder Amerika, für eine der zahllosen Hilfsorganisationen arbeitend, mit einem Tansanier zusammen sind, die Hochzeit und der Umzug in Ihr Heimatland bereits geplant. Die helfen und die Welt verbessern wollen und das Prinzip “gut ist das Gegenteil von gut gemeint” nicht verstehen können und wollen. Jene, die mit gleicher Selbstgefälligkeit und nicht reflektierten Rassismen hierzulande in Flüchtlingsheimen arbeiten und nicht leisesten Ansatz von kulturellem Verständnis besitzen. Und die dann, wenn man sie in Plätzen trifft, wo sich vermehrt die Ausländerklasse des Landes aufhält, sich erstmal die ersten zehn Minuten über ihren Partner aufregen, dass dieser doch nichts auf die Reihe bekäme obwohl ihre wohlwollende Familie ihm nun schon extra das Masterstudium finanzieren würde. Natürlich sind längst nicht alle so.
Man trifft chinesische Männer, die aus ihrem Land geschickt wurden um neue Strassen in Tansania zu bauen. Nun, sie lassen bauen und bedienen höchstens mal den Bagger und entscheiden darüber, dass irgendwelchen Menschen, die früher mal das Glück und heute aber das Pech haben, genau an der neuen Hauptstrasse zu wohnen, genau vor ihrer Haustür und manchmal auch noch etwas näher als diese ein tiefes Loch gegraben werden muss. Ich glaube kaum, dass irgendwelche Entschädigungszahlungen dahingehend auch nur je in den Mund genommen wurden. Abgesehen davon wüsste ich nicht genau, was ich machen würde und wofür ich noch garantieren könnte, wenn mir egal wo ich wohnen würde mir irgendein chinesischer Bauarbeiter meine Existenz ruinieren würde.
Man trifft indische Geschäftsleute, die es schon seit einigen Generationen gut verstanden, hier profitable Geschäftsmodelle zu implementieren. Sie besitzen jene Verkaufsmentalität, die mich lieber einen großen Bogen um ihr Geschäft machen lässt, obwohl sie vielleicht gar nicht so schlechte Dinge anzubieten haben. Ach ja, und warum war ich eigentlich nochmal hier und was mache ich hier genau?…

Im Alltag der Einheimischen

Wir müssen uns sodann ernsteren Themen widmen. Brian, der Cousin einer Ihrer Freunde ist gestorben und wir gehen zur Beerdigung. 26 Jahre alt, wahrscheinlich Krebs, gestern war er dann nicht mehr aufgewacht. Es ist völlig normal von seinem Freund gefragt zu werden, ob man zur Beerdigung vom Freund seines Chefs mitkommt, weil dieser keine andere Begleitung gefunden hatte. Mir wird die Bedeutung des Lebens hier schlagartig klar. Hier kann jeder jeden Tag sterben. Dazu muss man auch verstehen dass wenn jemand beispielsweise irgendeine mitunter auch schwerere Krankheit hat, so wissen das wenn überhaupt nur die engsten Familienmitglieder, von denen man sicher ausgehen kann, dass sie dies für sich behalten werden. Zu groß wäre die Schande, wenn die Leute auf der Straße auf einen zeigen würden. Und ob Gerücht oder nicht, alles macht hier sehr schnell seine Runde.

Eine Beerdigung ist ähnlich wie eine Hochzeit ein Ereignis, was nicht mal eben in einem halben Tag und im engeren Familienkreis erledigt wird. Familienangehörige bis zum x-ten Verwandtschaftsgrat, Freunde und deren Freunden und deren Bekannte, ehemalige Verehrerinnen und Verkehrerinnen, alte Schulkollegen und alles was sich im Radius von 500km eintreiben lässt kommt zusammen.

Übrigens eintreiben, natürlich tragen sich die läppischen Kosten von ca. $1500 für eine durchschnittliche Beerdigung nicht von selbst, da müssen entsprechend alle kräftig mit reinbuttern. Und solche Zeremonien können sich inklusive der Leichnambeschauung, die Erwähnung aller einzelnen anwesenden Gruppen und deren Bedeutung in dem Leben des Verstorbenen, die langen Phrasen und Phasen des Pfarrers, der für solche Anlässe angeheuert wird, die eigentliche Beerdigung des Verstorbenen, vielen weiteren Details durchaus mehrere Tage in Anspruch nehmen. Und wenn man bedenkt, dass Familien hier aus verschieden Gründen ungleich größer gefasst sind als man es aus der westlichen Hemisphere kennt, so kann man sich ausmalen, dass dies mitunter ein ein- bis zweimonatliches Ritual in manch einem Leben eines Tansaniers darstellen kann. Anlässlich Brian’s Todes muss übrigens auch eigens ein weiteres Leben dran glauben wie ich später noch live miterleben werde: hinter dem Haus wird das Kalb geschlachtet, welches ich eben noch am Baum angebunden sah und nachher die Mägen der Meute versorgen sollte.

 

Für den entsprechenden Anlass müssen wir in eine Gegend ausrücken, die etwas ausserhalb der eigentlichen Stadt liegt. Sofort haben wir zwei der unzähligen eifrigen Fahrer engagiert und knattern mit auf der Boda Boda im Affenzahn über die staubige Bara Bara, im Slalom zwischen den vereinzelten anderen Verkehrsteilnehmer, entgegen kommt uns ein hoffnungslos mit Menschen überladener Dala Dala, dem wir gerade noch ausweichen können. Vorbei an zwei schnieken Dada Dadas, die sich gerade noch einen landestypischen Ugaliteller reinpfeifen, was die Jungs am Lenker kurz etwas abbremsen lässt. Die Häuser werden schäbiger, die Straßen immer schlechter, den letzten Rest müssen wir laufen.

Auf einmal eine ungewohnte Stille, der Dauerlärm bestehend aus Geknatter, Geschnatter, Hupen und Nasebohren ist nun nicht mehr vorhanden. Der Geruch von Rauch liegt in der Luft und in den Baracken. Ein paar Kinder hört man von irgendwo her, denen wir nach ein paar Schritten begegnen. Manche sind noch so klein, dass sie eigentlich gar nicht sprechen können oder dürfen, trotzdem vermögen sie es, mit großen Augen dieses eine Wort hervorzuquetschen, welches sie anscheinend schon im Uterus heimlich geübt haben: Mzungu. Weißer. Eigentlich, so hatte mir mal eine Tinderbekanntschaft geschrieben, beschreibt das jemanden, der ohne erkennbaren Sinn in Kreisen umherläuft. Tja, ich würde mal sagen so ganz Unrecht haben die Afrikaner mit dieser Bezeichnung über uns nicht.

Die Kinder laufen zurück zu der alten Frau, die am Wegesrand sitzt, keine Zähne mehr hat und zudem noch erblindet ist. Trotz der inzwischen knalligen Sonne sitzt sie in voller muslimischer Bekleidung da und verkauft irgendwelches vertrocknetes Gestrüpp. Sie kommt noch aus einer Zeit, da wussten die Menschen noch, dass jenes Gestrüpp die natürliche Medizin vielleicht gegen Prostataleiden oder vielleicht auch die Darmflorafunktion wieder in Takt bringen konnte. Heute weiß der durchschnittliche moderne Tansanier die genauen Tarife aller Handynetzanbieter und Spielverläufe der Fussballspiele aller europäischen Ligen. Als uns vorhin ein anderer Bus überholt hatte, war dieser mit einem riesigen Aufkleber auf der Heckscheibe versehen: Luis Suarez vom FC Barcelona in voller Jubelpose. Für die weniger fussballbewanderten unter uns: es ist der gleiche Spieler, der per absichtlichem Handspiel in letzter Minute während einer der letzten Weltmeisterschaften verhindert hatte, das eine erste afrikanische Mannschaft überhaupt mal in einem Halbfinale gestanden hätte. Da hat er übrigens genauso gejubelt.

Die Beerdigung verläuft so wie ich es oben schon beschrieben habe. Auf dem Kreuz welches auf dem Grab thront ist sein Jahrgang verzeichnet. Sechs Jahre jünger als ich selbst. In Deutschland wäre er vermutlich einmal ins Krankenhaus gegangen, man hätte per ordentlicher Diagnose erkannt was Sache ist und hätte es mitunter relativ einfach behandeln können. Diese Momente lassen einen an die eigene Sterblichkeit erinnern. Ein Leben voller Pläne kann morgen schon vorbei sein.

 

 

Viel später dann, aber noch am gleichen Tag bin ich zurück in meiner Hood, an meiner Kreuzung, an welcher sich das gesamte tansanische Leben im Mikrokosmos abspielt. Man muss einfach nur hier sitzen und über die Geschehnisse hier schreiben, damit einen Bestseller zu landen dürfte nicht allzu schwer sein. Neben mir sitzen zwei Jungs und verspeisen jeweils einen Teller Pommes mit Hühnchen, das Lieblings Fast-Food der Leute hier. Immerhin ist es jeden Tag frisch hergerichtet und hat mit processed food wenig zu tun, das kann man dem durchaus zugutehalten. An Tagen wie solchen ist es schwer zu glauben, dass all das wirklich passiert ist. Zu unreal erscheint einem auf einmal das ganze Geschehene, wie ein Kinofilm, von welchem man noch etwas benommen gerade drüber nachdenkt.

 

Ich sitze da, geniesse die unverhofft aufkommende frische Brise, bestelle mir aus Ermangelung an Alternativen ein schwarzes Zuckerwasser und schaue den Boda Boda Jungs dabei zu, wie sie bei ein paar schwachen Funzeln versuchen, eine ordentliche Schweißnaht am einem ihrer Auspuffe hinzubekommen.

Was für ein Tag. In Tansania.